Drachenfelsbahn, Kulturkampf und Kölner Dom - die Ära Bismarck

Rheinprovinz

Mit der Einigung Deutschlands 1871 ist ein Wunsch vieler Menschen in Erfüllung gegangen. Als preußische Staatsbürger haben die Rheinländer die Gründung des Deutschen Reiches erlebt; auch im Siebengebirge weht die schwarz-weiß-rote Fahne des Kaiserreichs.

Keine Demokratie

Doch Deutschland ist keine liberale Monarchie wie Großbritannien, und schon gar keine Demokratie wie die USA. Zwar wird der Reichstag in freier, geheimer und allgemeiner Wahl aller Männer (!) gewählt, doch ist der Reichskanzler mit seinem Kabinett nicht dem Reichstag, sondern dem Kaiser verpflichtet. Zugleich ist er in Personalunion preußischer Ministerpräsident.

In Preußen aber gilt (bis 1918) das Dreiklassenwahlrecht, welches nicht nur die Vermögenden bevorzugt, sondern große Teile der Bürger und die Arbeiterschaft von der politischen Partizipation ausschließt. Die alten Eliten stemmen sich gegen demokratische Reformen.

Bismarck selbst macht keinen Hehl daraus, dass er vom Parlamentarismus nicht viel hält. Doch als Meister der Realpolitik versteht er es, die Parteien für seine Politik einzusetzen und gegeneinander auszuspielen.

Gründerzeit (1871-1875)

Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands bekommt durch die Einigung einen gewaltigen Schub: Nach den Jahrhunderten der Kleinstaaterei werden nun reichsweit einheitliche Maße, Gewichte und die Goldmark als Währung eingeführt. Ein einheitliches Bürgerliches, Handels- und Strafrecht sowie ein gleicher Instanzenweg vom Amtsgericht bis zum Reichsgericht schaffen Rechtssicherheit.

Durch die französischen Reparationsleistungen kommt ein "Milliardensegen" ins Land. Die Wirtschaft boomt, neue Unternehmen werden gegründet, in den Großstädten und Industriegebieten entstehen neue Fabriken und das Eisenbahnnetz wird weiter erweitert. Wer das Geld hat, kauft Aktien und lässt sich eine prächtige Villa bauen. Doch die Weltwirtschaftskrise trifft die deutsche Wirtschaft schwer.

Katholiken und Protestanten

Seit dem Beginn der Preußenzeit gibt es Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten. Nun, da das überwiegend katholische Österreich nicht mehr zum Reich gehört, haben die Protestanten ein deutliches Übergewicht. Auch das preußische Herrscherhaus und die Mitglieder der Regierung sind überwiegend protestantisch. Mehr und mehr entstehen konfessionelle Schulen. Die Zentrumspartei steht für den politischen Katholizismus und gewinnt immer mehr Anhänger.

Innerhalb der katholischen Kirche spitzt sich der Kampf zwischen Erzkonservativen und gemäßigt Liberalen zu: Papst Pius IX. ächtet nicht nur alle Anschauungen, die mit seiner nicht einhergehen, sondern lässt das Erste Vatikanische Konzil von 1870 die Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittenfragen verkünden.

Eine Minderheit unter den Katholiken lehnt dieses Dogma ab und schießt sich als "Altkatholiken" zusammen. Die Sanktionen der Kirche folgen prompt, u.a. wird altkatholischen Lehrern und Professoren die Lehrbefugnis entzogen. Im Reichstag verlangt das Zentrum die Entlassung der unbotmäßigen alt-katholischen Lehrer. Außerdem soll die kirchliche Freiheit in der Reichsverfassung verankert werden. Bismarck lehnt ab, denn die Lehrkräfte sind staatliche Beamte und er fürchtet, dass die Autorität des Papstes die des Kaisers untergraben wird. Wohl kein Reichskanzler außer einem Zentrumspolitiker könnte zulassen, dass ein Papst derart in staatliche Belange hinein regiert. Bismarck wird von den Nationalliberalen und Altkatholiken unterstützt.

Kulturkampf (1871-1878)

Doch dann erlässt er eine Reihe von Gesetzen, die nicht nur eine Trennung von Staat und Kirche garantieren, sondern die katholische Kirche in die Knie zwingen sollen. Bald sind die Erzbischöfe von Münster, Trier und auch Paulus Melchers von Köln in Haft. Bistümer und Pfarreien sind unbesetzt, katholische Schulen und Orden gibt es nicht mehr. Auch der Oberpleiser Pfarrer muss das Pastorat verlassen.

Doch der Kampf gibt der katholischen Kirche auch Kraft: Neue Orden und Klöster, Krankenhäuser, Waisenhäuser und weitere karitative Einrichtungen entstehen. Die katholische Presse findet großes Echo, das Zentrum gewinnt immer mehr Anhänger.

Der Kulturkampf belastet schließlich auch die protestantische Kirche, Bismarcks letzte Gesetze werden von vielen, auch reichstreuen Protestanten als Schikane empfunden. Kaiserin Augusta geht sogar offen dagegen an. Bismarck erkennt, dass er diesen Kampf nicht gewinnen kann, und lenkt ein. Als Papst Pius IX. verstirbt, handelt er 1878 mit dem neuen, moderaten Papst Leo XIII. einen Kompromiss aus. In den folgenden Jahren werden die meisten Gesetze zurückgenommen. Bestehen bleiben die staatliche Schulaufsicht und die Zivilehe.

Kölner Dom

Die Einweihung des Kölner Doms am 15. Oktober 1880 in Anwesenheit der Majestäten soll Frieden zwischen Bismarcks Staat und der katholischen Kirche besiegeln, doch das Verhältnis bleibt gespannt.

Drachenfelsbahn und Drachenburg im Siebengebirge

Am Rhein und auch im Siebengebirge ist der Tourismus zu einem wichtigen Wirtschaftszweig geworden. 1883 fährt die erste Zahnradbahn auf den Drachenfels, es ist die erste Zahnradbahn in Deutschland überhaupt. Auch zum Petersberg wird eine Zahnradbahn gebaut, 1888 ist sie fertig und bleibt bis 1958 in Betrieb.

Außenpolitik

Das Deutsche Reich ist ein neuer Machtfaktor in der Mitte Europas. Nun sucht Bismarck den Ausgleich mit den anderen europäischen Mächten; seine Außenpolitik konzentriert sich darauf, Deutschland auf dem europäischen Festland zu sichern. Sein Albtraum ist ein Bündnis zwischen Frankreich und Russland, weil es im schlimmsten Fall einen Zweifrontenkrieg bedeuten würde. Über Jahrzehnte schafft er ein hochkompliziertes Bündnissystem, das über 30 Jahre Frieden bringt. Er sucht die Freundschaft mit Österreich, ohne mit Russland zu brechen. Im Oktober 1873 schließen Kaiser Wilhelm I. von Deutschland, Kaiser Franz Joseph I. von Österreich und Zar Alexander II. von Russland in Wien das Drei-Kaiser-Abkommen.

Nach Russlands Sieg über die Türken ordnen die Staatsmänner auf dem Berliner Kongress 1878 die Dinge auf dem Balkan neu. Doch Russland fühlt sich von Bismarck um seinen Sieg betrogen und kündigt das Drei-Kaiser-Abkommen auf. Deutschland und Österreich-Ungarn schließen den Zweibund gegen Russland.

Dennoch will Bismarck nicht ganz mit Russland brechen. 1881 bringt er ein Drei-Kaiser-Bündnis zustande. Auch als es wenige Jahre später zerbricht, will Bismarck auf keinen Fall die Verbindung mit Russland abreißen lassen. 1887 gelingt ihm der Abschluss eines Rückversicherungsvertrags, in dem sich die beiden Mächte wohlwollende Neutralität zusichern, falls Deutschland von Frankreich oder Russland durch Österreich-Ungarn angegriffen wird. 1882 schließt sich Italien an; der Dreibund entsteht.

Zur gleichen Zeit dehnen England, Frankreich und Russland ihren Kolonialbesitz in Übersee gewaltsam aus. Bismarck zögert lange, doch 1884/85 erwirbt auch Deutschland Kolonien: Togo, Kamerun, Südwest- und Ostafrika, Kaiser-Wilhelm-Land auf Neu Guinea, den Bismarck-Archipel und die Marshall-Inseln.

Sozialistengesetze (1878-1890)

Der Kulturkampf ist gerade beigelegt, da beginnt Bismarcks erbitterter Kampf gegen die Sozialisten. Dabei sieht er die Not der Arbeiter und hält es für die Pflicht des Staates, ihnen zu helfen. Mit Ferdinand Lassalle hatte er Gespräche geführt, denn anders als Marx und Engels, die in jedem Staat den Klassenfeind des Proletariats sehen und daher die Weltrevolution fordern, kämpfte Lasalle mit seinem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein für Verbesserungen innerhalb des Staates. Doch Lassalle fiel 1864 in einem Duell.

Wilhelm Liebknecht und August Bebel haben 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet. Ihre Ziele formuliert Bebel einmal so: "Das Deutsche Reich, in Wirklichkeit nur ein erweitertes Preußen, war ein Klassenstaat und ein Militärstaat, und da sie Feinde des Klassenstaates waren, mussten sie auch Feinde des Reiches sein." Auch nach dem Zusammenschluss mit den Anhängern Lasalles zur SPD 1875 in Gotha bleibt es bei dieser Grundhaltung. Damit ist für Bismarck jede Zusammenarbeit unmöglich geworden.

Als 1878 zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm verübt werden, bringt Bismarck im Reichstag das "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" ein, obwohl die Sozialisten keine Schuld trifft. Es verbietet alle sozialdemokratischen Vereine, Veranstaltungen, Presse und Bücher. In den folgenden zwölf Jahren werden viele Sozialdemokraten zu Gefängnisstrafen verurteilt oder ausgewiesen. Doch das stärkt ihren Zusammenhalt und bringt ihnen neue Anhänger.

Sozialgesetzgebung

Bismarck sieht seinen Staat in der Pflicht, von sich aus erfüllen, "was in den sozialistischen Forderungen als berechtigt erscheint und in dem Rahmen der gegenwärtigen Staats- und Gesellschaftsordnung verwirklicht werden kann". Er stellt sich dieser gewaltigen Aufgabe, um die Not der Industriearbeiter und ihrer Familien zu lindern und sie für den Staat und das Reich zu gewinnen. Gegen heftigsten Widerstand von rechts und links bringt er 1883-89 seine Sozialversicherungsgesetze durch: Krankenversicherung, Unfallversicherung sowie Alters- und Invalidenversicherung. Hinzu kommen Schutzvorschriften, der Frauen- und Kinderarbeit werden engere Grenzen gesetzt. Bismarcks Sozialgesetzgebung ist die fortschrittlichste in ganz Europa, und doch sie kann die Arbeiterschaft nicht mit dem Staat versöhnen, die SPD gewinnt immer mehr Stimmen.

Dreikaiserjahr

1888 verstarb Kaiser Wilhelm I. Nach 27 Jahren als Kronprinz erbte nun Friedrich III. den Thron. Doch er war todkrank; Kehlkopfkrebs ließ ihm nur noch wenig Zeit und er konnte den Trauerzug für seinen Vater vom Fenster des Schlosses Charlottenburg Schloss nur stumm grüßen. Schon 99 Tage später verstarb er in seinem geliebten Neuen Palais im Park Sanssouci in Potsdam. Nun folgte im "Dreikaiserjahr" 1888 de facto der knapp dreißigjährige Enkel Wilhelm II. dem Großvater.

Bismarcks Entlassung

Trotz all seiner Verdienste ist Bismarcks Zeit nun vorbei. Des jungen Kaisers neue Welt mit ihrem technischen Fortschritt, den Überseehäfen, Automobilen und ihrem Radau ist ihm fremd. Sein Lebenswerk, die Reichsgründung, ist getan, doch sein Kaiser und die vielen jüngeren Menschen im Reich wollen nicht nur das Erreichte bewahren und sichern. Deutschland war schon die "verspätete Nation", nun soll das Deutsche Reich, das herausragende wirtschaftliche und militärische Erfolge vorweisen kann, auch einen angemessenen Platz unter den Weltmächten einnehmen.

Vor allem will der junge Kaiser nicht im Schatten des übermächtigen Kanzlers stehen. Bismarck wiederum, der fast dreißig Jahre lang der zweitmächtigste, wenn nicht gar der mächtigste Mann im Reich gewesen war, sieht sich degradiert. Es kommt zum Bruch, und am 20. März 1890 wird Bismarck entlassen. Seine letzten Lebensjahre verbringt er auf seinem Gut Friedrichsruh bei Hamburg, mit seiner Familie und seinen geliebten Doggen. Am 30. Juli 1898 verstirbt er.

Bild- und Quellenachweis

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