Das erste Gasthaus auf dem Lohrberg

Sagen

Prolog. Um 1248 auf der Löwenburg

Traurig sah Bärlauch auf das Tablett, das eine Magd gerade in die Küche zurückgebracht hatte: seine Herrin Mechthild hatte ihre Speisen kaum angerührt. Seit dem Tod ihres Ehemanns, Graf Heinrich III. von Sayn, aß sie fast gar nichts mehr.

Seit vielen Jahren war Bärlauch Koch auf der Löwenburg. Wenn Graf Heinrich mit seinem Gefolge auf der Löwenburg gewesen war, hatte er stets alle Hände voll zu tun gehabt, denn von Graf Heinrichs Tafel stand niemand hungrig auf, auch die einfachen Leute nicht. Graf Heinrich III., ein mächtiger und geachteter Landesfürst, hatte wohl gesehen, wie schwer es die einfachen Menschen hatten, und Bärlauch hatte ihn auf seine Art nach Kräften unterstützt. Doch nun war der Graf tot, und die Löwenburg war Mechthilds Witwensitz. Nach ihrem Tod würde sie an entferntere Verwandte übergehen. Er war seiner Herrin treu ergeben, und doch fühlte er sich unausgefüllt.

Wenige Tage später, als Bärlauch im kleinen Burggarten die ersten Kräuter pflückte, suchte Gräfin Mechthild ihn auf. "Sprich nur", forderte sie ihn freundlich auf, "ich sehe doch, dass Dich etwas bedrückt". "Ich würde gerne wieder für viele Menschen kochen", sagte Bärlauch da, "am liebsten in einem großen Haus, das auch Platz für Waisen birgt. Aber ich würde Euch nie im Stich lassen, Herrin." Mechthild sah ihn nachdenklich an, dann lächelte sie. "Ich danke Dir für Deine Offenheit", sagte sie, "auch ich möchte nicht die Hände in den Schoß legen und auf mein Ableben warten. Lass' uns hier auf der Löwenburg zusammenrücken, vieles von unserem Hausrat und den Vorräten brauchen wir jetzt nicht mehr. Du kannst alles haben, was Du brauchst, ich komme schon zurecht. Und was das Haus angeht, da habe ich eine Idee ..."

Steine von der Rosenau

Wenige Tage später auf der Rosenau. Bis vor kurzem hatte hier eine kleine Burg gestanden, doch nun war sie auf Geheiß des Klosters Heisterbach abgerissen worden. Nur noch Reste der Mauern standen, und überall lagen Steine herum. Zwei Mönche des Klosters Heisterbach wiesen ihre Knechte an, die Steine zusammen- zutragen und fortzuschaffen.

"Und ich sage Euch, Ihr nehmt diese Steine nicht mit!" sagte eine energische Stimme. Die Mönche des Klosters Heisterbach zuckten zusammen. Da stand Mechthild, die Herrin der Löwenburg, und ihre Haltung ließ keinen Zweifel aufkommen - sie meinte, was sie sagte. "Nein und nochmals nein" wiederholte sie mit fester Stimme, "Ihr habt kein Recht, diese Steine fortzuschaffen!" Verdutzt schauten die beiden Mönche sie an. "Aber Herrin, es gibt einen Vertrag, nachdem wir die Burg gekauft haben und abreißen dürfen", entgegnete einer von ihnen schließlich, "und diesen Vertrag hat Euer verblichener Gatte in einem zweiten Vertrag mit dem Erzbischof von Köln bestätigt".

Mechthild erinnerte sich wohl an die Ereignisse der letzten Jahre. Nach dem Tod des letzten Herrn der Rosenau hatte seine Familie kein Interesse, die kleine, zugige Burg zu behalten. So wurde sie an das nahegelegen Kloster Heisterbach verkauft. Die Herren vom Kloster Heisterbach waren umso begieriger, die Burg zu kaufen, um sie dann abzureißen. Weshalb, das hatte Mechthild nicht verstanden. Viele Jahre lang hatten die Erzbischöfe von Köln mit den Grafen von Sayn um die Vorherrschaft im Siebengebirge gerungen, doch inzwischen waren die Rivalitäten beigelegt worden. Vielleicht brauchte man die kleine Burg auf der Rosenau einfach nicht mehr.

Doch Mechthild hasste die Vorstellung, dass überhaupt nichts von ihr erhalten bleiben sollte. Zwar waren die Herren der Rosenau allesamt Lumpen gewesen, doch hatten dort auch beherzte Menschen und Tiere gelebt. "Ja", sagte sie dann, "Ihr habt die Burg gekauft und konntet sie abreißen. Aber nirgendwo findet sich die Erlaubnis, die Steine von hier fortzuschaffen!" Mechthilds getreue Ritter stellten sich hinter sie, und widerwillig sahen die Mönche ein, dass sie gegen die Herrin von der Löwenburg nichts ausrichten konnten. "Kommt und lasst uns sehen, was wir mit diesen Steinen noch aufbauen können", sagte Mechthild zu ihren Getreuen.

Das erste Gasthaus am Lohrberg

Und so transportierten ihre Männer die Steine nach und nach hinauf zu einer Lichtung auf dem nahe gelegenen Lohrberg - unterhalb der Löwenburg, noch auf Saynischem Gebiet. Dort hatten Bärlauch und die Mägde und Knechte von der Löwenburg schon Zelte aufgeschlagen, in denen die Bauarbeiter schlafen konnten. Bärlauch selbst hatte in einem großen Zelt eine kleine Feldküche eingerichtet. Und so bauten sie mit den Steinen der Rosenau ein einfaches Haus. Zugleich brachten die Menschen von der Löwenburg Möbel, Decken, Kleidung, Küchen- gerät und viele Vorräte herbei. Rings um das Haus wurden Getreide und Gemüse angepflanzt und auch ein kleiner Kräutergarten angelegt.

Schließlich zog ein Herold aus dem Gefolge Graf Heinrichs durch die Dörfer und verkündete, dass Gräfin Mechthild ein Heim für Waisen gestiftet habe. Schnell wurden vielen Waisen aus der Umgebung auf den Lohrberg gebracht. Mechthild selbst hieß die kleinen Gäste willkommen, und Bärlauch hatte alle Hände voll zu tun, damit jeder von ihnen ein einfaches Bett und eine Decke bekam. Zum ersten gemeinsamen Abend- essen scharten sich alle um einen riesigen Topf Suppe. Bärlauch lächelte, als er sah, wie sich Gräfin Mechthild gerade den Teller nachfüllte.

Ein neues Märchen aus eigener Feder