Der Graf vom Geisberg

Der Graf vom Geisberg

Diese Legende stammt aus der Zeit der Kreuzzüge. Der alte Graf von der Wolkenburg hatte zwei Söhne: Rigobert und Guldenhard. Rigobert, der ältere Sohn und Erbe der Burg, hatte das Kreuz genommen und war mit anderen rheinischen Rittern nach Palästina gezogen. Während seiner Abwesenheit führte der jüngere Sohn die Geschäfte für den kranken Vater.

Doch Guldenhard war ein unsicherer Mensch und geriet schnell unter den Einfluss eines verschlagenen, alten Zauberers, der auf der Wolkenburg Unterschlupf gefunden hatte. Rigobert hatte ihn durchschaut und längst fortjagen wollen, doch der alte Graf fürchtete seine Kräfte und ließ ihn bleiben. Nun sah der Zauberer seine Chance. "Löse Dich aus dem Schatten Deines Bruders", redete er Guldenhard ein, "tritt auf wie der Graf und es soll Dein Schade nicht sein." Doch damit zog Guldenhard die falschen Leute an: Glücksritter, die es sich dank seiner Freigiebig-keit auf der Wolkenburg gut ergehen ließen. Guldenhard machte Schulden und schon bald sah er keinen anderen Ausweg mehr als immer mehr Geld aus dem Burgbetrieb auf die Seite zu schaffen. Solange Rigobert fort war, ging das gerade noch gut, doch hatte Guldenhard immer mehr das Gefühl, dass ihn einige seiner Untergebenen misstrauisch ansahen.

Dann kam die Nachricht, dass Rigobert und einige andere Ritter auf dem Heimweg waren. Rigobert würde Guldenhards Machenschaften sofort durchschauen und ihn mit Schimpf und Schande fortjagen. Viel mehr noch, seine Gläubiger hatten ihm mehrfach klar gemacht, dass mit ihnen nicht zu spaßen war. Der Zauberer riet ihm, Rigobert auf ewig verschwinden zu lassen. Doch davor schreckte Guldenhard zurück, er wollte kein Verbrechen begehen, nur durfte Rigobert nicht auf die Burg zurückkehren. In der Nacht trafen sie sich in der Küche der Burg, sie verbrannten Rigoberts Wams und verwünschten ihn: er sollte in einen Ziegenbock verwandelt werden und für immer oben auf dem nahegelegenen Geisberg bleiben. So geschah es. Doch Rigobert, nun verwandelt in einen Ziegenbock, blieb nicht allein. Der Frevel auf der Wolkenburg war nicht unbemerkt geblieben, einige Getreue brachten ihm Möhren und Äpfel und bauten eine Schutzhütte. Morgens kamen die Vögel zur Hütte und sangen und nachts legten sich die Rehe zu ihm, damit er nicht fror.

Und mehr seltsame Dinge geschahen. Die Nixen aus dem Rhein ließen von Wasser Nebel aufsteigen, die bis zur Wolkenburg hinauf zogen und immer dichter wurden. Schließlich war die Wolkenburg vom Nebel eingeschlossen und niemand kam mehr hinaus oder hinein. Nach kurzer Zeit gingen die Lebensmittel aus. Verzweifelt stieg Guldenhard auf die Zinnen der Wolkenburg und wollte sich hinabstürzen. "Brenne die Burg nieder, das Feuer wird den Nebel vertreiben und in dem Chaos fliehen wir" rief ihm der Zauberer noch zu. "Nein", sagte Guldenhard, "ich habe üble Dinge getan, das ist mir endlich klar geworden. Jetzt werde ich sehen, was ich noch tun kann .. ich werde meinen Bruder finden und dann hole ich ihn heim" Er ging hinaus und verschwand im Nebel.

Nach einer Weile kam er oben auf dem Geisberg an. Als er den Geißbock sah und die Hand ausstreckte, um ihn zu streicheln, stand ihm auf einmal sein Bruder gegenüber. "Bruder, ich .." stotterte er. Doch Rigobert beruhigte ihn: "Weißt Du, ich habe dort im Krieg viel gelernt. Vielleicht hatte ich es als Junge einfacher als Du, ich war der Erbe der Burg und alles drehte sich um mich. Doch es kommt nicht darauf an, wer man durch seine Geburt ist, sondern darauf, was man in seinem Herzen ist. Es gehört Mut dazu, sich seiner Verantwortung im schlimmsten Moment zu stellen. Komm jetzt, Bruder, auf der Wolkenburg wartet genug Arbeit für uns beide!" Und so gingen sie heim, und mit jedem Schritt wurden die Nebel lichter, bis dass sie ganz verschwunden waren.

Ja, und der alter, verschlagene Zauberer? Ihn fegten die Hexen mit ihren Besen in den Rhein, und dort holte er sich einen so schlimmen Schnupfen, dass er bis an sein Lebensende niesen musste. So waren die Menschen vor ihm gewarnt und er konnte keinen Schaden mehr anrichten.

Ein neues Märchen aus eigener Feder