Weimarer Republik II

Weimarer Republik

Das linke Rheinufer und "Brückenköpfe" bei Köln, Koblenz und Mainz sind von alliierten Truppen besetzt; ein 50 km breiter Streifen entlang des rechten Rheinufers, also auch unsere Region, ist zum entmilitarisierten Gebiet erklärt worden. Seit 1920 stehen französische Truppen in Bonn.

Ruhrbesetzung

Die Situation verschärft sich noch mehr, als Frankreich wegen ausstehender Reparationen das Ruhrgebiet besetzt: am 11. Januar 1923 marschieren 60.000, später 100.000 französische und belgische Soldaten im Ruhrgebiet ein, um den Zugriff auf die Kohlevorkommen zu sichern.

Die Reichsregierung Wilhelm Cuno ruft am 13. Januar zum passiven Widerstand auf: Anordnungen der Besatzer werden nicht befolgt, Generalstreiks legen Industrie, Verwaltung und Verkehr im Ruhrgebiet fast lahm. Auch Wirtschaftszweige, die vom Ruhrgebiet abhängen, kommen zum Erliegen.

Doch der passive Widerstand fordert große Opfer; rund 150.000 Personen werden bestraft oder ausgewiesen. Etwa 2 Mio. Menschen haben kein Einkommen mehr. Trotz aller Aufrufe zur Besonnenheit kommt es auch zunehmend zu Sabotageakten und Anschlägen gegen die Besatzungstruppen, bei denen mehr als 100 Menschen ums Leben kamen.

In den besetzten Gebieten verschärfen sich die Spannungen zwischen den französischen Truppen und den Einheimischen. Am 25. Februar 1923 wird Königswinter von französischen Truppen besetzt. Allein in Bonn werden 350 Menschen abgeschoben. Viele junge Männer, die ausgewiesen wurden und von der "Ruhrhilfe" leben, schließen sich separatistischen Gruppen an.

Der Wert der Mark sinkt ins Bodenlose (Sommer 1923)

Doch die Unterstützung der bedürftigen Familien verschlingt Unsummen, die die krisengeschüttelte Republik nicht aufbringen kann. Die Reichsregierung weiß sich nur noch mit der Ausgabe neuen Geldes zu helfen.

Dabei steht Deutschland seit Jahren auch wirtschaftlich mit dem Rücken zu Wand, es ist hochverschuldet und kämpft gegen eine Inflation an. Damit sie ihren Verpflichtung nachkommen kann, hat die Regierung neue Banknoten drucken lassen und in Umlauf gegeben, auch wenn sie nicht ausreichend gedeckt sind. Schon kaufen gewiefte Geschäftsleute Sachwerte auf Kredit, um diese später dann mit entwertetem Geld zu tilgen. Das Vertrauen in die Mark schwindet, seit Mitte des Jahres 1922 gaben Kommunen oder Unternehmen "Notgeld" aus. Je mehr Geld aber in Umlauf kommt, desto mehr verliert es an Wert, die Preise steigen schließlich an einem einzigen Tag mehrfach an.

Schließlich sinkt der Wert der Mark ins Bodenlose, die Wirtschaft bricht fast zusammen, und die Inflation vernichtet das wenige, was vielen Menschen nach dem Krieg geblieben war. Es ist unverantwortlich, den passiven Widerstand aufrecht zu erhalten, auch wenn es eine unpopuläre Entscheidung ist. Nach dem Rücktritt der Regierung Wilhelm Cuno erklärt der neue Reichskanzler Dr. Gustav Stresemann am 26. September 1923 den passiven Widerstand für beendet und verhängt den Ausnahmezustand für das ganze Reichsgebiet.

Soll das Rheinland versacken?

Nach Abbruch des passiven Widerstands wähnt sich Frankreichs Ministerpräsident Poincaré am Ziel - eine entscheidende Schwächung Deutschlands scheint greifbar nah. Er verweigert Verhandlungen mit der Reichsregierung, dafür will er in internationalen Verhandlungen auftrumpfen und den Vertrag von Versailles endlich in seinem Sinn revidiert bekommen. Vergeblich hatte Reichskanzler Stresemann in Berlin auf ein Eingreifen Englands gehofft.

In dieser schlimmen Lage wird in Berlin ernsthaft darüber nachgedacht, die Unterstützung für die besetzen Gebiete einzustellen und sie zumindest für einige Zeit ihrem Schicksal zu überlassen. Später, wenn es dem Reich besser ginge, könne man sich diese Gebiete mit Waffengewalt zurückholen. Viele Rheinländer, demoralisiert durch Besatzung, den letztlich vergeblichen passiven Widerstand und die große Not, fühlen sich im Stich gelassen. Aus Adenauers Sicht muss man immer wieder versuchen, in Verhandlungen mit Frankreich eine Lösung zu finden, selbst wenn man dafür die Loslösung von Preußen oder gar dem Reich hinnehmen müsste. Wenn man seit Jahren eine alles überwältigende Krise erlebt, greift man nach jedem Strohhalm.

Die Separatisten schlagen los (Oktober 1923)

Inzwischen haben sich die separatistischen Parteien zur "Vereinigten Rheinischen Bewegung" unter dem Vorsitz von Franz Josef Matthes zusammengeschlossen. In einigen rheinischen Städten schlagen sie los - bewaffnet und unter Duldung, ja sogar dem Schutz der französischen Besatzungstruppen. Am 21. Oktober besetzen sie Aachen, am 24. Oktober Bonn, am 25. Oktober schließlich Koblenz. Im Koblenzer Schloss wird eine "Vorläufige Regierung der Rheinischen Republik" mit Matthes an der Spitze gebildet. Am 26. Oktober wird sie vom französischen Befehlshaber bestätigt, unter Achtung der bestehenden Autorität der Besatzungsbehörde.

Die "Vorläufige Regierung der Rheinischen Republik" stellt eigene "Rheinland-Schutztruppen" auf, denen sich die unterschiedlichsten Personen aus den unterschiedlichsten Gründen anschließen; unter ihnen sind viele, die aus dem Ruhrgebiet ausgewiesen worden waren: Menschen, die alles verloren hatten, aber auch kriminelle Elemente. Die Situation spitzt sich zu, als die Regierung in die Krise gerät und "Requirierungen" anordnet. Nun ziehen die "Rheinland-Schutztruppen" durch Städte und Dörfer und "requirieren" Sachgüter und Lebensmittel in einem Ausmaß, das weit über ihren Bedarf hinausgeht.

Diese Plünderungen prägen das Bild, das die Menschen im Siebengebirgsraum von den Separatisten haben. Am 25. Oktober 1923 "überfallen" Separatisten Königswinter, wie die lokalen Zeitungen berichten. Diese Wortwahl ist verständlich: Da rückt eine Gruppe überwiegend Ortsfremder in die Stadt ein, besetzt das Rathaus mit Waffengewalt und drangsaliert die Bürger - und das alles unter dem Schutz der französischen Soldaten.

"Roter Oktober"

Ab September stellt die KPD mit Geld und Militärexperten aus Moskau "Proletarische Hundertschaften" auf, insgesamt 50- 60.000 Mann, was gegen die Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrags verstößt. In Sachsen und Thüringen schließen sich auch Sozialdemokraten und Gewerkschafter an. Sie hoffen, so den aus Bayern erwarteten rechtsradikalen "Marsch auf Berlin" zu stoppen. Zudem tritt die KPD in Dresden und in Weimar in die SPD-geführten Landesregierungen ein.

Für Reichspräsident Ebert und Reichskanzler Stresemann ist es untragbar, dass Kommunisten als geschworene Feinde der parlamentarischen Demokratie Staatsämter übernehmen. Daher kommandiert Ebert Reichswehr-truppen nach Dresden und Weimar, es kommt zu schweren Kämpfen mit vielen Toten und Verletzten. Schließlich werden die "Proletarischen Hundertschaften" aufgelöst, die kommunistischen Minister werden entlassen oder treten zurück. Zur selben Zeit wird ein kommunistischer Aufstand in Hamburg unter Ernst Thälmann von der Polizei niedergeschlagen.

Kabinettskrise

Nach der "Kapitulation an der Ruhr" verweigern die weit rechts stehende bayrische Regierung und die in Bayern stationierte 7. Reichswehrdivision der Reichsregierung die Anerkennung. Die Regierung verhängt den Ausnahmezustand in Bayern und setzt an, in Bayern eine Rechtsdiktatur zu errichten. Das ist Hochverrat. Reichspräsident Ebert verhängt den Ausnahmezustand über ganz Deutschland. Doch den Einsatz der Reichswehr weiß General Hans von Seeckt zu verhindern, wie drei Jahre zuvor beim Kapp-Putsch.

Die SPD-Fraktion im Reichstag ist empört, dass die Regierung Stresemann gegen die SPD/KPD-Regierungen in Thüringen und Sachsen die Reichswehr eingesetzt hat, aber gegen die Rechtsdiktatur in Bayern nichts unternimmt. Am 2. November 1923 treten die SPD-Minister aus dem Kabinett aus, von nun an ist Stresemann Kanzler eines Minderheitenkabinetts auf Abruf.

Hitler-Putsch in München (November 1923)

Neben der Regierung steht die Hitler-Bewegung. Am Abend des 8. November umstellen bewaffnete SA-Männer den Münchner Bürgerbräukeller, in dem die bayerischen Regierung tagt. Hitler erklärt die bayerische Regierung, den Reichspräsidenten und den Reichskanzler für abgesetzt; er spricht von einer neuen deutschen Regierung unter seiner Führung und zwingt die Regierungsmitglieder, ihm auf seinem "Marsch auf Berlin" zu folgen.

Doch schon in der folgenden Nacht sagen sie sich wieder von ihm los. Trotzdem marschiert Hitler mit seinen Anhängern am 9. November durch München, an seiner Seite General Ludendorff. Die Polizei zersprengt den Zug; der Putsch ist gescheitert. Doch wieder werden die Putschisten nur sehr milde bestraft. Hitler ist schon Ende 1924 wieder frei und gründet ein Jahr später erneut die NSDAP.

Die "Schlacht im Siebengebirge"

Die Separatisten fahren wiederholt in umliegenden Dörfer, um Lebensmittel zu requirieren, oder, aus Sicht der Menschen dort, zu stehlen. "Sicherheitswehren" werden gebildet. Am 15./16. November 1923 kommt es bei Aegidienberg zu einem Kampf zwischen Separatisten und den Dorfbewohnern, bei dem mindestens 14 Separatisten und zwei Einheimische sterben. Denkmäler in Hövel und in Oberpleis erinnern daran.

"Die Rheinische Republik" scheitert, weil sie von den Menschen selbst nicht unterstützt wird. Sie fühlen sich von den Separatisten nicht befreit, sondern bedroht, und ihre patriotische Gesinnung nimmt man ihnen vor allem im Hinblick auf die ihnen zuteil werdende Unterstützung, zumindest Duldung durch die französische Generalität nicht ab.

Hoffen auf die Rentenmark

Im November ist die Mark auf ein Billionstel ihres Goldwertes gesunken, im Umlauf befinden sich 320 Trillionen Mark. Mitte November führt Finanzminister Dr. Luther eine neue Währung ein, die Rentenmark. Die Ausgaben werden rigoros eingeschränkt, die Steuern erhöht - doch die Stabilität der Währung ist der erste Lichtblick zum Ende des Krisenjahres 1923. Nicht aber für die Menschen im besetzten Rheinland - hier wird die Rentenmark noch nicht eingeführt.

Am 23. November verliert Reichskanzler Stresemann eine Vertrauensabstimmung und tritt zurück. Neuer Regierungschef einer bürgerlichen Minderheitenregierung wird der Kölner Wilhelm Marx (Zentrum). Als Außenminister gehört Stresemann allen Regierungen bis 1929 an.

Bild- und Quellenachweis

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Dortmund, Soldaten bedrohen einen alten Mann, 1923, Bundesarchiv, Bild 183-R09876 / CC-BY-SA 3.0 Limburg, ausgewiesener Eisenbahner, April 1923 / unbekannt / Bundesarchiv, Bild 102-00039 / CC-BY-SA 3.0
Inflation, Schlange vor einem Lebensmittelgeschäft, Berlin, 1923 / unbekannt / Bundesarchiv, Bild 146-1971-109-42 / CC-BY-SA 3.0

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