Das Spukhaus

Das Spukhaus

Eine Sage aus dem Mittelalter berichtet, dass sich der Heilige Bernhard von Clairveau einst, bei einem Besuch im Kloster Himmerod, sehr über den Gesang der Nachtigallen aufgeregt hatte. Er hatte so gezetert, dass die Vögel in ein Tal im Siebengebirge ausgewandert waren, das nach ihnen "Nachtigallental" genannt wurde. Daran hat Jupp, der Drache vom Nonnen- stromberg, bei der folgenden Geschichte wohl gedacht.

"Eines Abends, als ich von einem gemütlichen Bierabend kam, verpasste ich die Abzweigung zu meiner Scheune und fand mich in einer Umgebung wieder, die ich nicht kannte. Ich schaute mich um und dann dämmerte es mir: das muss das versteckte Tal sein, in dem sich das Spukhaus befindet. Hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich von einer verwunschenen Prinzessin in einem Spukhaus, aber niemand wusste etwas Genaues. Tatsächlich .. zwischen den dunklen Tannen hindurch sah ich ein düsteres Haus. Das Herz schlug mir bis zum Halse, aber dann dachte ich: was, wenn eine arme Kreatur dort gefangen ist?

Ich schlich näher. Von nahem wirkte das Spukschloss noch düsterer. Das Tor war verriegelt und es schien, als ob seit vielen Jahren kein Licht mehr durch die schwarzen Fensterscheiben gedrungen war. Ich ging um das düstere Haus herum und je mehr ich davon sah, desto unbehaglicher fühlte ich mich. Wohl um mir selbst Mut zu machen, fing ich an zu singen. Es war kein schöner Gesang, aber ein lauter, und auf einmal hörte ich aus dem Inneren des Spukschlosses den klagenden Gesang einer Nachtigall.

Da wurde ich richtig böse - war das arme Tier etwa für so lange Zeit dort eingesperrt gewesen, hatte es nie die Sonne, nie ein anderes Tier oder einen anderen Menschen gesehen? Ich holte tief Luft und spie Feuer auf das Tor. Es qualmte und krachte, Funken stoben umher .. doch dann brach es auseinander. Ich wartete ein wenig, bis dass sich der Rauch verzogen hatte, und ging auf das Haus zu .. da flogen Nachtigallen hinaus, und hinter ihnen her kam ein schönes Mädchen. Hustend und mit tränenden Augen kam sie auf mich zu und umarmte mich. "Dank Dir bin ich endlich wieder frei. Vor vielen Jahren habe ich in der Schule gesungen, und darüber hat sich dieser verknöcherte Schulleiter fürchterlich aufgeregt und mich angeschrien: 'ich wünschte, Du würdest verschwinden und für den Rest Deines Lebens den Mauern vorsingen' Seitdem war ich in diesem Spukhaus gefangen."

Der Drache verstummte und hatte selbst feuchte Augen. "Die Arme", sagte da ein kleines Mädchen aus der Zuhörerschaft, "das war ja gemein! Aber sag' mal ehrlich, Jupp, gibt es dieses Spukschloss und das Mädchen wirklich?" Jupp schüttelte traurig den Kopf. "Nein", sagte er, "nicht wirklich. Aber es stimmt doch, dass manche Menschen einfach drauflosreden und gar nicht daran denken, was sie mit ihrem schlimmen Gedanken und Worten anrichten können, und das bedrückt mich sehr. Ja, ich wünschte, sie würden überhaupt erst denken und dann reden!"

Ein neues Märchen aus eigener Feder