Weimarer Republik III

Weimarer Republik, 1924-1929

Deutschland, 1923/1924. Am ersten Weihnachtstag spricht Reichskanzler Marx im Radio, es ist die erste Weihnachtsansprache eines Kanzlers überhaupt. Er dankt dem Ausland für die Unterstützung der Notleidenden in Deutschland. "Diese Hilfsbereitschaft menschlich Denkender in allen Ländern der Welt ist wie ein Lichtzeichen, das uns Hoffnung leuchtet in der Finsternis", sagt er.

Doch die demoralisierten Menschen im Rheinland sehen noch kein Licht am Ende des Tunnels. Das "Wunder der Rentenmark" hat sich für sie noch nicht erfüllt, man muss weiter mit kommunalem Notgeld als Zahlungsmittel zurechtkommen und hoffen, dass es vom Reich akzeptieren wird.

Dawes-Plan

In Frankreich wähnt sich Ministerpräsident Poincaré am Ziel: eine entscheidende Schwächung Deutschlands scheint greifbar nah. Er verweigert Verhandlungen mit der Reichsregierung, dafür will er in internationalen Verhandlungen auftrumpfen. Doch er hat sich verschätzt: Die Separatisten bekommen keine Unterstützung in der Bevölkerung, können nicht sich ohne französisches Militär nicht behaupten, die hohen Kosten der Ruhrbesetzung führen auch in Frankreich zu einer Krise, und die Zustimmung zu ihm und seiner Regierung sinkt. Aus Sicht Englands ist es nun an Frankreich, an einer Lösung mitzuarbeiten, und auch die USA wenden sich wieder Europa zu. Frankreich die Vorherrschaft auf dem Kontinent überlassen will keiner von beiden.

Die Reparationskommission setzt am 30. November zwei Sachverständigenausschüsse an. Ab August 1924 erarbeitet ein internationaler Gutachterausschuss einen Zahlungsplan, der nach seinem amerikanischen Vorsitzenden Dawes-Plan genannt wird. Er verpflichtet Deutschland zu gewaltigen jährlichen Zahlungen, die sich ab 1928 steigern sollten; damit waren die Interessen der Alliierten gesichert. Deutschland bekommt ein großes Auslandsdarlehen als Starthilfe, das Recht auf Sanktionen wird eingeschränkt, und die Franzosen stellen die Räumung des Ruhrgebiets in Aussicht.

Die neue, provisorische Rentenmark stabilisierte sich schnell. Das Bankgesetz vom 30. August 1924 regelte das Währungssystem mit der Einführung der Reichsmark, gedeckt durch Gold, endgültig. Und auch im besetzten Gebiet wurde an diesem Tag die goldgedeckte Reichsmark eingeführt.

Abzug aus Königswinter

Mitte November 1924 ziehen die Franzosen aus Königswinter, Honnef und dem ganzen rechtsrheinischen Gebiet zwischen den Brückenköpfen ab. Reichskanzler Marx und Präsident Herriot, die Außenminister Stresemann und Briand haben es geschafft, eine Vertrauensbasis aufzubauen.

Verschiebung nach Rechts

Das gerade überstandene Krisenjahr 1923 wirft lange Schatten: Bei der Reichstagswahl vom Mai 1924 brechen die Parteien der demokratischen Mitte und die gemäßigte Rechte ein. Die SPD erreicht nur noch die Hälfte ihrer Wähler von 1919, die USPD gibt es nicht mehr. Wahlsieger sind neben den deutschvölkischen am rechten und die KPD am linken Rand vor allem die rechte Deutschnationale Volkspartei (DNVP).

Im Dezember 1924 wird erneut gewählt, diesmal erholen sich die Parteien der Mitte. Doch an der DNVP kommt man nicht mehr vorbei. So wird im Januar 1925 der parteilose Hans Luther Reichskanzle; in seinem Kabinett ist die DNVP erstmals vertreten. Reichspräsident.

Ein Monarchist wird Reichspräsident

Friedrich Ebert stirbt 1925. Nach der Weimarer Verfassung wird der Reichspräsident direkt vom Volk gewählt. Im zweiten Wahlgang am 26. April 1925 siegt der ehemalige Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg als Kandidat der Rechten über Wilhelm Marx, den Kandidaten des "Volksblocks". Dessen Lager war uneins: Die katholische Bayrische Volkspartei und rechte Zentrumspolitiker wählten lieber den preußischen Protestanten Hindenburg als den Katholiken Marx, der ein Wahlbündnis mit der SPD eingegangen war, und viele antiklerikale Sozialdemokraten hegten große Skepsis gegen den römisch-katholischen Marx.

Nun steht der überzeugte Monarchist Hindenburg als Reichspräsident an der Spitze der Republik. Zudem ist er Ehrenmitglied des rechtsextremen Stahlhelms, Bund der Frontsoldaten. Er leistet seinen Eid auf die Weimarer Verfassung und nimmt ihn bis zuletzt ernst. Für viele Menschen wird Hindenburg ein "Ersatzkaiser", denn er verkörpert die konservative, nationale Tradition und mit ihm an der Spitze der Republik können sie arrangieren, auch wenn sie die Parteiendemokratie ablehnen. Auch die Reichswehr fühlt sich durch ihn enger mit dem Staat verbunden.

Stresemanns Verständigungspolitik

Die Außenpolitik Stresemanns ist auf Ausgleich mit den Allliierten bedacht. Auch Frankreichs Außenminister Aristide Briand strebt Verständigung anstelle ewiger Feindschaft an. Am 14. Juli 1925 beginnt die Räumung des Ruhrgebiets, die 1921 besetzten Städte Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort werden freigegeben.

Am 16. Oktober 1925 wird der Vertrag von Locarno abgeschlossen, in dem Deutschland seine Westgrenzen laut Versailler Vertrag endgültig anerkennt, den freiwilligen Verzicht auf Elsass-Lothringen ausspricht und die Entmilitarisierung des Rheinlandes für immer hinnimmt. Deutschland gewinnt dafür Schutz gegen neue französische Übergriffe auf Rhein und Ruhr.

Für die Menschen in den besetzten Gebieten entspannte sich der Alltag durchaus. Die fremden Truppen wurden reduziert, die kommunale Verwaltung kam wieder in die eigenen Hände, und besetzte Wohnungen wurden freigegeben. Die Franzosen würden Bonn räumen, und am 1. Dezember 1925 begann Großbritannien mit der Räumung der Kölner Zone. Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer war sicher hoch erfreut, doch auf Stresemann war er nach wie vor nicht gut zu sprechen. Das "Unstete, das Schwankende" in Stresemanns Politik behagte ihm gar nicht.

Die Polen und Tschechoslowaken erhielten keine Garantie ihrer Grenzen - ein "Ost-Locarno" gibt es nicht. Deutschland ist nur bereit, auf eine gewaltsame Revision der Grenzen zu verzichten, nicht aber auf eine friedliche.

Die Kölner Zone wird geräumt

Ende 1925 beginnt die Räumung der Kölner Zone, Als erste Rheinlandzone wird die Kölner Zone geräumt. Am 31. Januar 1926 findet im Beisein des Reichspräsidenten Hindenburg in Köln eine "Befreiungsfeier" statt. Oberbürgermeister Adenauer hält die Festrede. "Wir wollen gerecht sein, trotz allem, was uns widerfahren ist", sagt er, "Wir wollen anerkennen, dass der geschiedene Gegner auf politischem Gebiet gerechtes Spiel hat walten lassen." Hindensburgs Begleitung, die Truppen des Stahlhelms mit Flaggen, Sturmriemen und dem Hakenkreuz auf dem Helm, werden das wohl nicht so gesehen haben.

Deutschland im Völkerburg

Am 8. September 1926 wird Deutschland in Genf in den Völkerbund aufgenommen. Am 10. Dezember 1926 bekommen Stresemann und Briand gemeinsam den Friedensnobelpreis. Doch nicht alle Menschen in Deutschland und Frankreich sind zur Verständigung bereit; Briand und Stresemann werden in ihren Ländern zum Teil heftig angegriffen. Briand wird wenig später durch Raymond Poincaré ersetzt, der seine Unnachgiebigkeit in der Ruhrkrise gezeigt hatte.

"Goldene Zwanziger Jahre"

Eine kurze Zeit wirtschaftlicher Erholung und politischer Stabilisierung ist der Weimarer Republik vergönnt. Das sind die "Goldenen Zwanziger Jahre". Die Wirtschaft erholt sich langsam, und die Menschen können sich ein bisschen Normalität gönnen: Kino, Radrennbahn, Baden oder Ausflüge mit dem Auto. Man kann Max Schmelings Boxkämpfe und die ersten Länderspiele im Fußball live sehen oder im Radio verfolgen. Täglich gehen etwa zwei Millionen Menschen in die Kinos. Gut situierte Bürger besuchen die Opernhäuser und die Theater oder amüsieren sich in den zahlreichen Revuen, Tanzpalästen, Jazz-Lokalen und Bars der Großstädte. In Berlin tanzt eine schwarze Tänzerin, Josephine Baker aus Amerika, sogar nur mit einem Bananenröckchen bekleidet.

Vielerorts werden Reihenhäuser und große Wohnsiedlungen mit begrüntem Umfeld und ausreichend Licht gebaut. Es sind Großprojekte des sozialen Wohnungsbaus, um möglichst viele Menschen aus dem Elend der Mietskasernen und Hinterhöfe zu holen. Rationellere Bauweisen sollten helfen, schnell und finanzierbar die große Wohnungsnot zu lindern. Auch erste Hochhäuser entstehen.

Kulturelle Blütezeit

Diese Jahre sind eine unglaublich innovative, kreative Zeit. Industrie und Wissenschaft gelingen sensationelle Fortschritte; zahlreiche Nobelpreise gehen nach Deutschland. Kunst und Kultur erlebten eine ganz neue Freiheit und Blütezeit. Die Vielfalt der Stilrichtungen ist ein Kennzeichen der Weimarer Republik. Den Expressionismus findet man nicht mehr in der Malerei, sondern im Film und im Theater, dafür stehen Filme wie "Das Kabinett des Dr. Caligari". 1927 entsteht Fritz Langs Film "Metropolis". Auch "Dr. Mabuse" gehört in die 20er Jahre.

In der Malerei dominieren der Surrealismus und die Neue Sachlichkeit. Kühl und nüchtern soll die Wirklichkeit abgebildet werden. Otto Dix' Großstadttriptichon entsteht. Zahlreiche Künstler sind politisch engagiert. George Grosz' malt die die Wirklichkeit schonungslos und pointiert, 1926 entstehen seine "Stützen der Gesellschaft". John Heartfields Arbeit "Väter und Söhne 1924" zeigt Paul von Hindenburg vor Soldatenskeletten, an denen Kinder in Uniform vorbeimarschieren.

Kanzler Marx

Wilhelm Marx leitet vier Kabinette. Bedeutende Gesetze werden verabschiedet, auch für die Menschen wird viel getan: 1927 kommt die Arbeitslosenversicherung als vierte Säule der Sozialgesetzgebung hinzu, und in den Betrieben gibt es Verbesserungen: Achtstundentag, bessere Schutzbestimmungen für Jugendliche und Mütter, Erholungsurlaub mit Lohnfortzahlung, neue Wohnungen und Erziehungshilfen, Vertretung durch Betriebsräte.

Doch das Regieren wird für die republikanischen Parteien der Mitte immer schwieriger. Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) wirbt mit einem Plakat "Locarno?" das einen farbigen französischen Soldaten drohend im Hintergrund einer Rheinlandschaft zeigt. Unter ihrem neuen Vorsitzenden, dem "Medienzaren" Alfred Hugenberg, betreibt sie Fundamentalopposition gegen das "Weimarer System.

Große Koalition unter Hermann Müller

Die Reichstagswahl 1928 bringt der SPD einen klaren Sieg, und der DNVP eine herbe Niederlage. Nun regiert eine große Koalition unter dem Sozialdemokraten Hermann Müller mit einer breiten Mehrheit im Reichstag. Doch die SPD-Minister stehen zwischen ihrer Reichstagsfraktion und den Koalitionspartnern, die DVP orientiert sich immer mehr an der Wirtschaft, das Zentrum ist zerstritten und geht immer mehr nach rechts, die ehemals liberale DDP ist im Niedergang begriffen und sucht schließlich ihr Heil in einem Rechtsruck. Und dem Reichspräsidenten Hindenburg sind Hermann Müller und seine Sozialdemokraten kaum genehm.

Bild- und Quellenachweis

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